Türchen Nr. 22: Versorgungsproblem oder Notfälle in unserer Gesellschaft


Auf der Rückfahrt von einer Gebietsabsicherung bekommen wir als RTW-Beatzung einen Notfalleinsatz von der Leitstelle gemeldet. Es sollte ein „Sonstiger“ als psychischer Notfall sein: eine Dame sieht wohl Personen, die nicht da sind und ist auch sonst verwirrt, als Zusatzinfo gibt´s die Mitteilung, dass der Rettungsdienst bereits einige Male in letzter Zeit vor Ort gewesen ist.

Mein Kollege, ein entspannter Rettungsassistent, fährt den RTW und ich darf als RA-Praktikantin begleiten. Auf der Anfahrt bin ich etwas ratlos, was uns wohl erwarten wird. Wir sind schnell an der Einsatzstelle und werden an der Wohnungstür von einer etwas seltsamen Pflegekraft erwartet.

Diese erzählt uns kurz, dass die Dame im Bett liegt und wohl Angehörige sieht, die angeblich in der Wohnung waren bzw. sind, obwohl diese entweder im Krankenhaus sind oder aber bereits verstorben sind.

Ich kümmere mich zunächst um die Patientin. Mein Kollege geht mit der Dame vom ambulanten Pflegedienst ins Nachbarzimmer, um dort mehr zu erfahren. Ich stelle mich erst bei der Patientin vor und frage nach ihrem Problem. Sie ist bereits auf den ersten Blick verwirrt und eindeutig herrscht ein Versorgungsproblem. Die Dame liegt zwar angezogen im Bett, doch es schaut im Schlafzimmer sehr verwahrlost aus, auch die Körperhygiene der Dame lässt zu wünschen übrig. Auf Nachfrage erfahre ich von dem Krankheitsgefühl der ca. 55-jährigen Dame und auch von den Menschen, die in der Wohnung waren. Die Mutter, welche aktuell im Krankenhaus liegt und sonst dort ebenfalls wohnt, ist eindeutig auch dabei gewesen. Dazu bekomme ich weitere nicht glaubwürdige Geschichten zu hören.

Dazu kommt, dass die Patienten einen recht niedrigen Blutdruck hat, der Puls ist auch eher niedrig und schwach, dazu kommt eine sehr fahle, blass bläuliche Hautfarbe. Die Sauerstoffsättigung ist jedoch in Ordnung, die Dame gibt auch keine Beschwerden im Brustkorb an, sie habe nur irgendwie am ganzen Körper Schmerzen. Insgesamt ist die Dame einfach in einem schlechten Allgemeinzustand, was aber wohl eher an der Versorgung liegt als an einer akuten Erkrankung.

Wir bringen die Dame mit dem Tragetuch aus der Wohnung und lagern sie auf unserer Trage. Danach geht es ohne Komplikationen ins Krankenhaus. Dort übergeben wir unsere Patientin dem Pflegepersonal und der diensthabenden Internistin.
Ich dokumentiere auch, dass bei unserer Patientin wohl ein Versorgungsproblem im häuslichen Umfeld besteht und das Leben zuhause aktuell so nicht wirklich vertretbar ist.

Leider nehmen solche oder ähnliche Einsätze immer mehr zu. Ältere Menschen leben alleine oder auch mit Angehörigen noch zuhause, doch die häusliche Versorgung ist einfach schlecht. Es kümmert sich niemand wirklich oder nur oberflächlich. Oft liegen Patienten auch stunden- oder gar tagelang am Boden, weil sie sich nicht helfen können und niemand da ist.
Das Krankenhaus ist für solche „Notfälle“ oft nur eine kurze Lösung, denn es muss vielmehr langfristig eine gute Versorgung hergestellt werden. Dies wird zwar meist im Krankenhaus angeregt oder in die Wege geleitet, doch oftmals geht es dann eben doch wieder zurück ins gewohnte Umfeld und die Versorungsqualität bleibt teils katastrophal.

Advertisements

Ein Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s