Tür Nr. 7: Alles irre


Vor wenigen Wochen bin ich samstags tagsüber wieder auf dem RTW unterwegs. Ich darf mal wieder begleiten und mein Kollege ist ein erfahrener Rettungsassistent, der meist recht ruhig ist.

Am Morgen sind wir bereits fleißig unterwegs, doch es geht weiter so. Wir dürfen um 9 Uhr bereits zum dritten Notfall fahren. Gemeldet ist ein Sonstiger Notfall – hilflose Person in der Wohnung – Polizei bereits vor Ort. Als mein Kollege die Adresse liest, ahnt er bereits, um wen es sich handeln könnte, denn bei dieser Dame war der Kollege in der letzten Woche bereits mehrfach.

Auf Anfahrt ist wohl auch noch eine weitere Polizeistreife, denn diese fährt vor uns mit Blaulicht in die gleiche Richtung. An der Einsatzstelle warten bereits Kollegen der Polizei auf uns. Die Dame würde nun wohl total durchdrehen, anfangs habe sie nur geschrien, dann sei sie auf den Nachbarn losgegangen und nun werfe sie jegliche Einrichtungsgegenstände aus der Wohnung im 1. Obergeschoss.

Hinter der Polizei betreten wir das Haus. Die Wohnungstür ist verschlossen, die Polizei schreit laut, doch es wird nicht aufgemacht, innen sind russische Schimpfworte zu hören. Als die Polizisten die Wohnungstür gewaltsam öffnen möchten, macht die Dame dann doch auf, sie wird von der Polizei im Wohnzimmer fixiert. Die Dame ist sehr aufgebracht und kann auch durch die Polizisten zunächst nur wenig beruhigt werden, uns als Rettungsdienst nimmt sie erst gar nicht richtig wahr.

Mein Kollege und ich bereiten vor dem Hauseingang unsere Trage vor, die Polizisten trage die ca. 40-jährige Patientin raus und legen sie auf die Trage. Danach geht es zunächst zügig in den RTW, doch die Dame schreit weiter laut vor sich hin (mittlerweile weiß auch die ganze Nachbarschaft Bescheid). Dort können wir erst einmal versuchen sie etwas zu beruhigen, dies gelingt immer nur für sehr kurze Zeit. Die Polizisten drehen die Dame noch und fixieren sie nun mit Handschellen an unsere Trage, denn dann können wir sie auch noch ordnungsgemäß anschnallen. Eine Erhebung von Vitalparametern ist sowieso unmöglich, doch die Patientin ist ja sehr aktiv und somit wohl auch stabil. Sie riecht deutlich nach Alkohol, ein Atemalkoholtest ergibt auch ca. 2 Promille. Ob Sie weitere Drogen genommen hat, wissen wir nicht, können aktuell aber auch keine Veränderungen in diese Richtung feststellen.

Für die Polizei steht die Unterbringung im Bezirkskrankenhaus aufgrund Fremdgefährdung fest und ein Polizist wird den Transport dorthin im RTW begleiten, der weitere Kollege hinterher fahren. Ich melde unsere Dame per Telefon in der Psychiatrie an, sie ist dort bereits gut bekannt, doch bislang hat der Richter keine Unterbringung für erforderlich gehalten und daher konnte sie in dieser Woche wieder nach Hause. Nun wird es wohl doch ein etwas längerer Aufenthalt werden.

Auf der Fahrt schreit die Dame öfters so laut, dass man sogar weit außerhalb des RTW dies hören kann. Ich denke fast, dass ich schon halb taub bin. Mein Kollege ist echt froh, dass er Fahren kann und somit nicht ganz so viel davon abbekommt. Manchmal ist die Dame aber auch wieder recht klar, sie weiß genau, dass es wieder ins Bezirkskrankenhaus geht.
Eines sticht aber hervor, die Patientin macht die ganze Zeit den gut aussehenden Polizisten an. Der junge Herr kann hier nur zurücklächeln und meint, dass er zweifacher Familienvater und glücklich verheiratet ist.  Dies interessiert sie aber überhaupt nicht und sie baggert weiter. Der Polizist sitzt auch in Reichweite und ich hinter der Dame, sodass ich etwa schmunzeln muss. Dafür ist die Dame nun etwas ruhiger, doch als sie merkt, dass der Polizist keine Reaktion zeigt, schreit sie wieder öfters und sehr laut. Danach folgt aber von ihr die Aussage, dass wir alle den Mund halten sollen, hier kann ich ihr nur zustimmen und es ist für einige Zeit Ruhe.

Während der Fahrt kann ich mich immerhin sehr gut mit dem Polizisten unterhalten, er war auch lange Zeit im Süden eingesetzt und somit kennen wir einige gemeinsame Orte und dem Pendler sein. Zudem scheint er wohl von solchen, etwas außergewöhnlichen Damen des Öfteren angemacht werden. Dies findet er wohl nur noch nervig, aber auch ein wenig lustig. Ich kann zu mindestens sagen, dass er optisch echt ein Hingucker ist ;-).

Irgendwann sind wir am Ziel angekommen, unsere Patientin ist immer noch recht laut und teils nicht sehr kontrolliert. Wir fahren die Dame mit der Trage auf die Krisenstation, die Polizisten begleiten uns. Dort werden wir bereits vom diensthabenden Pfleger sowie einer Ärztin erwartet. Alle kennen sich bereits, die Patientin war ja erst dort. Daher dürfen die Polizisten die Dame losmachen und der Pfleger meint, dass er auch so mit ihr klar kommt. Die Patientin geht auf der Station erst einmal auf Begrüßungsrunde, denn sie kennt hier auch noch einige Patienten. Gleichzeitig wird der hübsche Polizist auch noch von einer älteren Dame „angefallen, sie fällt ihn um den Arm und will ihn küssen, er kann sich gerade noch retten.

Nun dürfen wir das Krankenhaus zum Glück wieder verlassen und sind echt alle froh, dort wieder weg zu dürfen und wir können nun auch die Ruhe auf der Rückfahrt genießen.

Ich habe übrigens oft Mitleid mit psychisch kranken Patienten, doch mit Menschen, die sich durchs Saufen und andere Drogen in diese Lage bringen und dies oft auch bewusst in Kauf nehmen, hält sich meine Empathie echt in Grenzen.

 

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