Verkehrsunfall in der Wohnung oder in Dresden?


In meiner letzten Nachtschicht wurden mein Kollege und ich zu einem Notfalleinsatz der etwas anderen Art alarmiert. Gemeldet war ein Verkehrsunfall in Dresden oder doch bei uns in der Stadt.  Es hieß von der Leitstelle, dass unsere Patientin in Dresden (also ziemlich weit weg) einen Unfall hatte und es ihr nun nicht gut gehe, die Einsatzstelle war jedoch in einer Wohnung.
Auf der Anfahrt machten wir uns schon echt Gedanken, was da los sein könnte, so richtig akut wohl aufgrund der Entfernung nicht.
Kurz vor der Einsatzstelle wurde daraus noch ein Notarzteinsatz, da die Patientin jetzt laut den Angehörigen bewusstlos sein sollte.

An der Einsatzstelle angekommen wartete bereits eine Verwandte auf uns und brachte uns in die Wohnung. Dort lag unsere ca. 18-jährige Patientin im Flur. Eine Schwester von ihr sitze hinter ihr und stützte die junge Dame. Auf meine Ansprache reagierte sie, allerdings öffnete sie die Augen nicht. Auf Nachfragen hin wurde die Situation endlich aufgeklärt. Es handelte sich wohl um einen schweren Verkehrsunfall vor einigen Stunden in Dresden. Fast die ganze Familie war in einen PKW Unfall mit Überschlag beteiligt, alle wurden dort im Krankenhaus untersucht und sind auf eigene Verantwortung nach Hause gegangen. Jetzt ging es der einen Schwester eben recht schlecht, doch die ganze Familie war sehr aufgebracht. Es wurde Panik wegen einer möglichen Hirnblutung verbreitet (diese war aber im Krankenhaus wohl bereits ausgeschlossen worden).

Mein Kollege und ich entscheiden uns für einen zügigen Transport mithilfe Tragestuhl in den RTW, um uns dort endlich in Ruhe um die Patientin kümmern zu können. In der Wohnung selbst herrschte sehr viel Hektik und eine wirkliche Versorgung war im Flur nicht möglich. Zuvor wurden natürlich die Vitalwerte gemessen, welche alle im Normalbereich lagen. Die Patientin war zwar die ganze Zeit wach, doch das Augenöffnen war schwierig, genauso wie jegliche Mithilfe beim Umlagern.

Wir transportierten die Patientin also nach unten in den RTW. Dort kam auch der Notarzt dazu. Wir schilderten die ganze Situation noch einmal neu und konnten die sehr nervigen Angehörigen erst einmal aus dem RTW verbannen. Dies war gar nicht so leicht, da der Vater immer bei seiner Tochter bleiben wollte und auch noch aufgebrachter auf die hinzukommende Polizei reagierte (diese hatten wohl nur die Meldung Verkehrsunfall bekommen).

Der Notarzt machte noch einmal eine Anamnese und einen Bodycheck. Ich redete beruhigend auf die junge Dame ein und versuchte auch, dass sie die Augen öffnet (auch wenn die Lust dazu nicht war). Die Dame war eigentlich recht unauffällig, von den Kopfschmerzen und einer leichten Hyperventilation abgesehen. Das Problem lag eher am Erschöpfungszustand, zudem hatte sie sehr wenig gegessen und getrunken. Der Notarzt legte einen Zugang und die Patientin bekam etwas Flüssigkeit. Dies beruhigte sie auch etwas. Nun bekamen wir auch den Arztbrief vom anderen Krankenhaus, es wurde ein CT mit Traumaspirale gemacht, die Patientin ging gegen expliziten ärztlichen Rat nach Hause.

Nun ging es mit der Schwester als Begleitperson zur Klinik. Dort konnten wir die Dame zur weiteren Behandlung und vor allem Überwachung an den diensthabenden Chirurgen und das ebenfalls etwas verwunderte Pflegepersonal übergeben.

Im weiteren Verlauf des Abends ist dann die gesamte Familie wieder im Krankenhaus erschienen und es ging auf einmal wieder allen sehr schlecht. Sie wurden erst einmal alle als Patienten aufgenommen, um dann aber nach ca. 2 Stunden doch wieder nach Hause zu wollen, da jetzt alles wieder besser ist und sie ja auch untersucht wurden (waren sie ja in Dresden auch schon einmal). Der Vater hat dort auch die ganzen Abläufe behindert, die ganze Familie ist dort im Notaufnahmebereich ein- und ausgegangen, denn im Besucherbereich warten geht ja nicht und im Behandlungszimmer warten und liegen bleiben war auch sehr schwierig.

Insgesamt war der Einsatz für uns aufgrund der Situation echt schwierig. Man hat wenig Informationen bekommen, der Vater war sehr schwierig, zudem die Patientin sehr verunsichert. Die Angehörigen haben hier eigentlich erst alles schlimm gemacht. Somit war es wichtig, die Situation möglichst für die Patientin zu verändern und sie aus der Angst bzw. dem Erschöpfungszustand zu holen. Hier war es für mich am wichtigsten ruhig zu bleiben und mich auf die Patientin zu konzentrieren, ich habe fast nur mit ihr kommuniziert und möglichst eine Verbindung herzustellen. Bis zur Klinik ist mir dies recht gut gelungen, denn sie hat dann auch irgendwann ein bisschen was erzählt und die Augen immer mal zu mir hin geöffnet.  Soft Skills mit Kommunikation war hier eigentlich viel wichtiger als jegliche medizinsiche Maßnahmen.

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Ein Kommentar

  1. Soft Skills – ein Schlagwort, dass im Rettungsdienst leider immer noch zu wenige kennen. Gerade in einer Zeit, in der die psychischen Probleme immer mehr werden und Kommunikation die Grundlage der Versorgung ist.

    Leider sind solche Einsätze für alle beteiligten Organisationen nicht einfach – wenn die Situation durch Angehörige erst tragisch gemacht wird.
    Aber Hut ab, die Ruhe für die Patientin zu bewahren muss nicht leicht gewesen sein, aber es klingt als hätte es wirklich gut funktioniert!

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