Anders als erwartet …


Es gibt Einsätze über die man noch öfters nachdenkt, weil sie ebenine andere Wendung nehmen wie gedacht.

Ich bin in der Nachtschicht mit einem erfahrenen Rettungsassistenten und unserer Notfallazubine (sorry eigentlich Auszubildende zur Notfallsanitäterin) unterwegs.
Auf der Rückfahrt von einer Verlegung werden wir direkt weiter alarmiert. Es geht zu Herzbeschwerden in eine bessere Asylunterkunft.
Mein Kollege fährt den RTW und ich begleite an diesem Abend.

An der Einsatzstelle erwartet uns bereits der Sicherheitsdienst und gibt uns erste Informationen. Er bringt uns zu der ca. 50-jährigen Patientin ins Zimmer. Dort sind auch der Ehemann und der Sohn anwesend. Wir erfahren von Schmerzen im Brustkorb, auf weitere Nachfrage vor allem aber eher in der Speiseröhre mit Brennen und Übelkeit sowie Erbrechen. Zudem hat die Dame einen recht trockenen Husten, sie hat Diabetes und eine Hypertonie. Beim Hausarzt war sie wohl auch bereits, dieser hat eine Refluxösophagitis festgestellt, das Herz war im EKG unauffällig. Nun sind die Beschwerden zu stark, sodass wir gerufen worden sind.
Die Patientin selbst spricht kein Deutsch, Verständigung ist nur über den Sohn möglich. Ansonsten ist die Patientin mobil und will noch etwas zusammenpacken, wir wollen jedoch zügig mit ihr in den RTW. Dorthin kann unsere Patientin mit unserer Begleitung laufen.

Im RTW wollen wir sie hinlegen, dies geht jedoch aufgrund der Schmerzen nur mit stark sitzender Position. Die Auszubildende macht noch ein EKG, ich messe die restlichen Vitalwerte. Das EKG sieht normal aus, daher will ich kein 12-Kanal machen (war ja beim Arzt gestern auch unauffällig). Ansonsten stellen wir nur eine Hypertonie fest, die aber aufgrund der Schmerzen gut erklärbar ist.
Mein Kollege und ich entscheiden uns dann dazu ins nahe gelegene Kreiskrankenhaus zu fahren. Der Sohn der Patientin fährt mit.

Der Transport verläuft unproblematisch. Unsere Patientin ist stabil, sie hat weiterhin Beschwerden und leichten trockenen Husten.
In der Notaufnahme übergeben wir die Dame dem diensthabenden Internisten und der Notaufnahmeschwester.

Danach ist dieser Einsatz für uns beendet und es geht zurück zu unserer Wache.

Im weiteren Verlauf der Nacht sehen wir unsere Patientin jedoch wieder. Sie wird von den Kollegen zusammen mit einem Klinikarzt in das Krankenhaus der Maximalversorgung mit Herzkatheter verlegt. Es besteht der Verdacht auf einen Herzinfarkt, welcher jedoch noch nicht endgültig bestätigt ist. Das 12-Kanal-EKG ist dabei nicht sehr auffällig, zudem besteht wohl eine Schädigung einer Herzklappe. Auch der mitgefahrene Notarzt ist sich nicht sicher, ob dir Patientin wirklich einen Herzinfarkt hat, da alle Parameter nicht eindeutig sind.
Hier denken sich mein Kollege und ich noch nicht allzuviel. Man kann nicht immer mit der Verdachtsdiagnose recht haben, zumal alles sehr unspezifisch ist.

Doch im Laufe der Nacht werden wir noch einmal über unsere Patientin informiert. Die Leitstelle gibt uns bekannt, dass die Dame nun mit dem Intensivhubschrauber in ein Herzzentrum einer Uniklinik verflogen wird. Sie hat einen massiven Herzinfarkt. Nach einem weiteren Einsatz kann mein Kollege noch kurz zum Hubschrauber und dort vom Internisten erfahren, dass solch eine massive Durchblutungsstörung vorliegt, dass ein Herzkatheter nicht möglich gewesen ist (beide Seitenäste und auch der Hauptast der Blutversorgung des Herzens betroffen). Dies sei auch erst bei der genauen Untersuchung festgestellt worden. Der Infarkt war wohl echt bereits 4 Tage zuvor. Symptome haben da begonnen und wurden eben immer falsch gedeutet bzw. waren nie eindeutig. Insgesamt hat die Patientin in der Klinik nun auch ein Lungenödem entwickelt, was sich zuvor nur durch trockenen Husten bemerkbar gemacht hat. Sie wurde intubiert und beatmet. Nun konnten wir uns auch erklären, warum sich die Asylbewerberin nicht hinlegen konnte.

Die ganzen Symptome waren nicht sehr spezifisch, zudem kam erschwerend die Sprachbarriere. Insgesamt war selbst für den Kardiologen die Situation und Schwere zu Beginn nicht ersichtlich. Auch der Hausarzt hatte nichts am Herzen feststellen können.
Daher war für uns der Fall sehr spannend und außergewöhnlich.
Ich finde auch im Nachhinein nicht, dass wir grundsätzlich etwas falsch gemacht haben.
Man kann eben nicht bei jedem Patienten vom schlimmsten ausgehen und präklinisch kann nicht alles aufgeklärt werden.
Aber der Fall lehrt uns noch genauer hinzusehen und nachzudenken, denn manchmal erkennt man auch nicht jede Lebensgefahr auf den ersten Blick.

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