Ein bischen von allen


In den letzten Schichten im Rettungsdienst hatte ich sehr wenig Action, wir haben recht wenig Einsätze gefahren und zudem waren die meisten Krankentransporte oder ähnliches (nicht falsch verstehen, ich mag auch mal ruhigere Schichten, aber es war echt schon außergewöhnlich entspannt und teils fast langweilig).

Meine letzte Schicht sollte jedoch anders verlaufen. Ich bin an einen für mich ungewöhnlichen Tag und zudem mit einem Mitarbeiter, mit dem ich sonst auch recht selten unterwegs bin, gefahren.

Wir waren bereits lange vor Schichtbeginn auf der Wache und haben noch etwas mit der Frühschicht geplaudert und die Übergabe erledigt. Dabei haben wir auch festgelegt, dass ich an diesem Tag einmal wieder begleiten dürfte, mein Kollege wollte fahren.

Bereits vor dem eigentlichen Schichtbeginn ging der erste Alarm los. Mein Kollege und ich schnappten uns somit alles und es ging in den RTW. Dort bekamen wir von der Leitstelle den Einsatzauftrag, es ging einmal quer durch die Stadt zu einem Verkehrsunfall, dort war bereits ein RTW vor Ort und forderte nach.

An der Einsatzstelle wartete bereits die Polizei und der andere RTW auf uns. Die Unfallstelle war nicht zu übersehen, 2 PKW waren seitlich zusammen gestoßen. Ich stieg aus, ging zum anderen RTW und fragte dort nach dem Patienten für uns. Ich bekam eine schnelle Übergabe von meinem Lieblingskollegen. Danach ging es mit unserer Dame vom einen RTW in den anderen. Die Patientin klagte über leichte Thoraxschmerzen durch den Aufprall sowie den Gurt, zudem war ein HWS-Schleudertrauma nicht auszuschließen. Bei uns im RTW konnte sich die ältere Dame und Unfallverursacherin erst einmal hinlegen, es wurde noch einmal ein kurzer Bodycheck gemacht und die Vitalwerte gemessen, einen Stifneck hatte die Patientin schon von den Kollegen angelegt bekommen. Anschließend ging es zur Klinik zur weiteren Abklärung.

An der Klinik traf kurze Zeit später auch der weitere RTW mit ihrem Patienten ein, der ein Rückentrauma mit evtl. Beckenbeteiligung erlitten hatte. Die Kollegen hatten dabei Probleme mit der Anlage der Beckenschlinge (wo wir an der Einsatzstelle leider auch nicht weiterhelfen konnten). An der Klinik war nun die Zeit dies nachzubesprechen und auch selbst auszuprobieren. Dabei waren nun auch zufällig zwei unserer Notärzte der Anästhesie (auch mein Lieblingsarzt, der sofort den falschen Tag bemerkt hat 😉 ). Auch diese mischten sich in die Diskussion um die richtige Anlage der Beckenschlinge ein. Am Ende stand fest, dass das Einrasten dieser Bauart etwas komisch ist und es ein „Klacken“ geben muss. Somit war die Fortbildung für diesen Tag auch bereits erledigt.

Nun ging es von der Klinik aus einmal kurz zur Wache und wir konnten unseren RTW checken und noch etwas auffüllen. Doch anstatt lange dort zu verweilen ging es bereits zum nächsten Einsatz. Dieses Mal war eine akute Atemnot im Altenheim gemeldet. Es geht zum nahe gelegenen Heim. Dort werden wir bereits von den Altenpflegerinnen und einer Angehörigen erwartet. Der ältere Patient hatte ein Tracheostoma, war für uns auf den ersten Blick vollkommen unauffällig, wie auch alle gemessenen Werte im Normalbereich lagen. Das Tracheostoma war am Morgen gewechselt worden und nun war im zähen Schleim ein leichter blutiger Auswurf zu sehen, was durch eine geringe Schleimhautläsion entstehen kann. Der Notarzt wollte den Patienten auch dort lassen und so wurde dies nach nochmaligen Absaugen eine Notarztversorgung. Insgesamt war hier das Problem eher die hysterische Angehörige, welche mit der Gesamtsituation überfordert ist. (Der Patient wurde dann übrigens später vom KTW aber nochmals transportiert, auch ohne Ergebnis).

Danach ging es zurück zur Wache. Dort gab es für meinen Kollegen und mich eine kurze Pause und vor allem auch einen guten Kaffee. Doch es sollte jedoch schon wieder weitergehen, gemeldet war ein Sturz in einem Außenort. Durch den dichten Feierabendverkehr ging es dorthin und wir suchten erst einmal nach der Hausnummer (im seitlichen Hinterhof gelegen, super gemacht). Es erwartete uns wohl ein Nachbar. Dieser brachte uns zu dem gestürzten Patienten, natürlich ganz oben in der Dachgeschosswohnung. Der Patient lag seitlich in einer engen Türe, ein Bürostuhl lag auch noch im Weg, natürlich war die Wohnung auch ansonsten sehr eng (was man sich da alles so rein stellen kann). Naja wir haben den Mann mit vereinten Kräften nach oben auf dem Stuhl geholfen, danach wollte er eigentlich keine Hilfe von uns mehr. Er kann zwar seit 2 Tagen nicht mehr richtig laufen, doch der Hausarzt sollte ihn helfen und nicht wir, insgesamt war der Mann einfach in der Wohnung hilflos überfordert und bräuchte wahrscheinlich mehr Hilfe. Die unaufgeräumte Wohnung und seine Kleintiere wollte er nicht verlassen und somit verweigerte er bei uns den Transport. Es ging nach dem Protokollschreiben zurück Richtung Wache.

Auf dem Weg dorthin wurden wir jedoch direkt weitergeleitet. Die Leitstelle schickte uns in das Stadtzentrum. Dort war ein Kind verletzt. An der Einsatzstelle erwartete uns bereits eine Angehörige als Einweiserin. Diese brachte uns in die Wohnung, wo ein kleiner Junge recht laut schrie. Er war laut den Eltern beim Spielen aus der Spielkiste rückwärts nach hinten unten gefallen und an eine Schrankkante gefallen. Der 14-monatige Junge ließ sich etwas beruhigen und ich konnte seine Platzwunde am Hinterkopf ansehen, während ihn sein Vater auf dem Schoß hielt. Die Wunde musste auf jeden Fall versorgt werden, da sie doch recht groß gewesen ist. Erst einmal konnte ich zügig einen Kopfverband anlegen. Ansonsten ergab der Check keine weiteren Verletzungen, zudem war der Junge nie bewusstlos und hat sofort geschrien. Es ging nun mit der Mama zusammen in den RTW und danach in die Klinik. Der kleine Mann war echt süß und hat sich auch ganz tapfer benommen. Im Krankenhaus konnten wir das Kleinkind an den diensthabenden Chirurgen und den Pflegekräften übergeben.

An der Klinik war nun wieder ein bisschen Zeit mit den Kollegen zu plaudern und ein wenig zu verschnaufen. Danach sollte es wieder Richtung Wache zu gehen, doch auch dieses mal wurden wir alarmiert. Gemeldet war eine bewusstlose Person in einem nahe gelegenen Wohngebiet. Mein Kollege gab Gas und so ging es schnell mit Sonderrechten zum betreffenden Haus. Dort nahmen wir alles an Equipment mit zum Hauseingang, ich ging gedanklich alles durch. Nach Klingeln öffnete uns der Ehemann und brachte uns nach oben ins Schlafzimmer. Dort lag seine Frau quer im Bett und war sichtlich leblos, zudem hatte sie unter sich gelassen (irgendwann weiß man wie eine tote Person aussieht).

Die Frau wurde durch mich und meinen Kollegen aus dem Bett gehoben und auf dem Fußboden gelegt. Es ging jetzt alles schnell, der oft geübte Ablauf einer Reanimation. Defi einschalten, anschließen, Analyse, danach bzw. währenddessen bereits Herzdruckmassage. Der Ehemann erzählte uns von einem schlechten Gefühl und einem grippalen Infekt, ansonsten keine Erkrankungen. Auf dem EKG war leider nur eine Nulllinie zu sehen. Mein Kollege bereitete gerade alles für eine Intubation mittels Larynxtubus vor. Derweilen trifft der Notarzt ein, er bekommt eine schnelle Übergabe von uns. Ich drücke derweilen weiter, wir unterbrechen kurz für eine Rhythmusanalyse, jetzt will der Defibrillator einen Schock freigeben, es ist ein sehr feines Kammerflimmern zu sehen. Ich gebe den Schock nach vorherigen Absprache frei, der Fahrer des NA übernimmt die Herzdruckmassage, der Notarzt intubiert mittels Larynxtubus, ich schließe das Beatmungsgerät auf Weisung des NA an, mehr will er aktuell nicht tun. Wir wechseln uns noch einige Male in regelmäßigen Intervallen beim Drücken ab, es werden weitere Schocks freigegeben, doch der Herzrhythmus wechselt nicht.
Unsere ca. 60-jährige Patientin bleibt leblos, der Notarzt bricht recht bald ab, die Frau hatte wohl keine Chance mehr.

Wir reden mit dem Ehemann, klären ob er weitere Hilfe benötigt. Des Weiteren wird die Dame von unseren medizinischen Dingen befreit und friedlich mit einer Decke ins Bett gelegt. Der Ehemann ist recht gefasst, erklärt uns, dass sie heute erst über einen Wunsch der Beerdigung gesprochen haben.  Wir verabschieden uns.
Im RTW füllen mein Kollege und ich noch alles auf. Ich schreibe mein Protokoll.

Wir dürfen nun zur Wache fahren. Dort wird zunächst das Verbrauchsmaterial wieder komplett aufgefüllt. Ich schreibe mein Protokoll für die Reanimation fertig, muss noch einiges mit der Leitstelle abklären. Mein Kollege liest die Daten aus dem EKG aus, wir sehen uns noch einmal alles am PC an. Insgesamt bin ich nicht ganz zufrieden mit dem Ablauf. Dies liegt aber eher am Notarzt, denn er konnte sich teilweise nicht wirklich entscheiden, ob er noch lange reanimieren möchte oder es nach kurzer Zeit beendet, insgesamt mag ich diesen Notarzt wegen der Hektik und seltsamen Art nicht wirklich. Doch wir schließen das Thema ab, denn es bringt der Frau nichts mehr. Sie war einfach bei unseren Eintreffen schon tot.

Nun können wir auf der Wache auch etwas zum Abend essen und etwas entspannen. Danach werden wir noch zu einem Krankentransport alarmiert. Es geht vom Altenheim in die Klinik. Die Patientin hat laut einweisenden Arzt einen Verdacht auf Beinvenenthrombose, auf jeden Fall ist ein Bein überhitzt und gerötet, es sieht aber auch ansonsten sehr entzündet aus. Insgesamt ist die Dame dort nur zur Kurzzeitpflege und recht fit. Sie wiegt allerdings ca. 150 kg (eher mehr) und hat auch noch Rücken- und Atembeschwerden. Wir lagern sie gemeinsam auf unserer Trage und mit vereinten Kräften bringen wir sie in den RTW und zur Klinik. Dort übergeben wir die Dame der Internistin und dem Pflegepersonal. Insgesamt kommen wir mit der Fülle der Patientin auch an unsere Grenzen, auch die Trage wir stark belastet (die Dame ist eher breit als lang).

Danach dürfen wir zur Wache und die letzte Stunde dort verbringen bevor wir sehr pünktlich von den Kollegen der Nachtschicht abgelöst werden.

An diesen Tag war es echt nicht langweilig und wir haben von allen Seiten des Rettungsdienstes ein bisschen was erlebt. Es gab viel zu tun, viel zu Erleben und auch vom Kleinkind bis zur alten Frau alles.
Ich arbeite gerne und viel in meinen Rettungsdienstschichten, mal sehen, ob die nächsten Schichten auch wieder ein bisschen was zu berichten haben. Insgesamt war dies auch einmal wieder eine Schicht ohne komplette Fehleinsätze oder Gebietsabsicherungen.

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