Walter


Zusammen mit einem erfahrenen Rettungsassistenten bin ich an einem Samstag auf dem RTW unterwegs. Mein Kollege fährt gerne mit mir und somit darf ich begleiten. Wir haben bereits einige Einsätze hinter uns. Nun werden wir bereits an der Klinik wieder zu einem Folgeeinsatz alarmiert.

Es geht in die Nachbargemeinde, in eine kleine nette Wohngegend, gemeldet ist eine Alkoholvergiftung auf der Straße. Mein Kollege und ich sind natürlich begeistert, dass man zu solchen Einsätzen als Notfall am Samstag Nachmittag fährt, aber egal. Zügig geht es dorthin. An der Einfahrt der Straße stehen bereits erste Einweiser bereit. An der Einsatzstelle mitten auf der Straße sehen wir unseren Patienten wirkluch mitten auf der Straße liegen. Um ihn herum stehen einige Ersthelfer.

Wir parken unseren RTW direkt vor der Einsatzstelle und steigen aus. Ich stelle mich vor und frage was denn passiert ist. „Walter“ stellt sich gleich vor, er sei einfach auf der Straße umgefallen.

Die Nachbarn um ihn herum kennen ihn alle gut und schildern die Situation. Es ist deutlich, dass Walter wohl zu viel getrunken hat und nun nicht mehr aufstehen kann, doch er ist eben auch gestürzt. Daher mache ich einen kurzen Bodycheck, Walter gibt keine Schmerzen an oder doch? Er weiß nicht, ob ihn die linke Hüfte bzw. der Oberschenkel wehtut. Auf jeden Fall sind keine größeren Verletzungen sichtbar, aber das linke Bein wirkt leicht verkürzt und außenrotiert. Walter kann auch mit unserer Hilfe nicht aufstehen, dafür redet er in einer Tour mit mir. Ich bitte um etwas Ruhe und gebe klare Anweisungen.

Alle um ihn herum kennen Walter gut, er trinkt meistens zu viel und ist ein hilfloser älterer Herr, doch heute ist es wohl schlimmer als sonst. Die Nachbarn kümmern sich als Ersthelfer gut, sie haben wohl Mitleid. Ein Nachbarn nimmt sogar den Hund mit und bringt ihn wohl zu Walter nach Hause.

Mein Kollege hat die Trage neben Walter bereit gestellt, doch nur mit viel guten Zureden und vorallem Hilfe eines Nachbarn gelingt es Walter mit seinem ganzen Gewicht (bestimmt ca. 120 kg) auf die Trage über zu heben, da er selbst wenig mithilft.
Unser Mitleid hält sich in Grenzen, denn keiner zwingt ihn so viel zu trinken und danach so uneinsichtig zu sein. Auch meint Walter, dass er nicht verletzt ist, bewegen kann er sein Bein trotzdem nicht richtig.

Walter wird nun zügig in den RTW verbracht. Dort kann ich ihn noch einmal untersuchen, mein Kollege hält sich zurück, ist aber genervt vom Alkohol. Wir schaffen es mit vereinten Kräften auch irgendwie einmal aus der Jacke heraus (mehr möchte ich lieber nicht ausziehen). Walter versteht eh gerade wenig und ist weiterhin sehr redseelig und wir genervt. Wir messen die Vitalwerte und den Blutzucker, alles ist im Normbereich.

Nun geht es in die Klinik. Auf dem Weg dorthin redet Walter weiterhin sehr viel, er erzählt von der Vereinsamung, die Frau gestorben, die Tochter kümmert sich wenig. Doch auch ich bin bestimmt und meine, dass man sich trotzdem ein wenig „Pflegen“ kann, damit meine ich sowohl die Körperpflege (Waschen mag Walter anscheinend nicht) und auch den Alkoholkonsum. Walter entschuldigt sich, aber er weiß, dass dies auch nicht weiter hilft.

In der Klinik angekommen, lagern wir Walter auf eine Liege um, denn Aufstehen geht wohl dann doch nicht. Wir diskutieren jetzt auch nicht mehr mit ihm. Er ist verletzt und braucht Hilfe, PUNKT.
Die Schwestern sind begeistert, denn sie freuen sich Samstag Nachmittag auch auf einen verletzten Betrunkenen älteren Herren, der sich augenscheinlich oder besser gerüchlich wohl die leztzen Monate und Jahre nicht gewaschen hat. Ich übergebe den Patienten zusätzlich zunächst an die Chirurgin. Der Schwester wird bereits beim Ausziehen der Schuhe so schlecht, dass sie sich fast übergeben muss, Walter versteht dies nicht so richtig, ich schon!

Ich hoffe sehr, dass die Verletzung vielleicht ein Punkt für Walter ist, an dem er zumindestens etwas nachdenken kann. Er braucht Hilfe, doch diese muss er eben auch annehmen. Unser Mitleid hält sich jedoch in Grenzen. Leider gibt es immer mehr solche Einsätze.

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