Von der Theorie zur Praxis oder vom Abschlussgespräch auf den RTW


Nach meinem Abschlussgespräch zur Rettungsassistentin bin ich noch kurz auf der Wache geblieben. Erst einmal um etwas herunter zu kommen, mit Kollegen zu quatschen und ein bisschen was zu Essen, später habe ich noch die Küche in der Wache etwas aufgeräumt und mit einer Kollegin aus der Verwaltung geplaudert.

Diese Ruhe sollte jedoch schon bald gestört werden. Ich hörte am Funk immer mehr Alarmierungen, bekam auch mit, dass bereits die KTW zu Notfällen geschickt wurden. Bislang betraf mich dies noch nicht.

Irgendwann einmal hörte ich aber den Alarm des Hintergrundteams zur Besetzung eines RTW. Ich überlegte kurz und wollte mich eigentlich schon telefonisch bei der Leitstelle melden, als bereits der Rettungsdienstleiter mich suchte und fragte, ob ich nicht mit ausrücken könnte. Hier konnte ich natürlich nicht nein sagen und so ging es nach einer kurzen Suche und schnellen Drüberziehens von Rettungsdienstkleidung und meinen Sicherheitsschuhen zusammen mit dem stellvertretenden Rettungsdienstleiter auf einen Ersatz-RTW.

Ich durfte auf dem Begleitersitz Platz nehmen. Danach nahmen wir die Einsatzmeldung auf, es ging zum Schlaganfall nach Sturz, bedingt ansprechbar als Notarzteinsatz. Auf der Anfahrt mit Sondersignal quer durch die Stadt machte ich mir bereits einige Gedanken. Gerade noch das Abschlussgespräch bestanden und nun mit dem RTW und stellvertretenden Leiter Rettungsdienst unterwegs, so schnell kann der Wechsel gehen.

Am Einsatzort wurden wir bereits von einer Einweiserin erwartet. Auch der KTW war bereits zur Erstversorgung vor Ort. Nur der Notarzt war noch nicht am Einsatzort. Wir nahmen also alles an Equipment mit in die Wohnung des Patienten. Dort lag der Mann in der sehr engen Küche an der Türe. Die KTW-Besatzung war bereits seit einigen Minuten vor Ort und hatte uns und den Notarzt nachalarmieren lassen.

Der Patient, ca. 75 Jahre alt, lag bewusstlos am Boden, war wohl gestürzt, reagierte nur sehr bedingt, es wusste niemand, was genau passiert ist. Die KTW-Besatzung hatte bisher einen i.v.-Zugang gelegt, Blutdruck war zunächst nicht ermittelbar, Puls normofrequent. Insgesamt herrschte der Verdacht auf einen Schlaganfall. Blutzuckermessen war aufgrund fehlenden Geräts durch die KTW-Beatzung noch nicht möglich.

Nachdem ich die Situation kurz überblickt hatte, der RA-Praktikant vom KTW mir eine Übergabe gemacht hatte und ich erst einmal komplett die Vitalparameter erheben wollte, kam bereits der Notarzt dazu. Er wurde vom Einsatzleiter als zusätzlichen Notarzt zugefahren.

Es wurde nochmals die Übergabe wiederholt, derweilen konnte ich zusammen mit dem RA-Jahrespraktikanten vom KTW die kompletten Vitalwerte feststellen. Auch der Blutzucker wurde sofort gemessen, dieser lag aber im Normalbereich. (Also nicht so einfach, wie im Fallbeispiel beim Abschlussgespräch).

Der Fahrer des KTW und mein Fahrer (stv. Rettungsdienstleiter) parkten derweilen die Fahrzeuge um und bereiteten bereits alles für einen Transport vor.  Sie überliesen uns die restliche Arbeit am Patienten.

Der Blutdruck war extrem hoch, bei ca. 250/140 mmHG, der Patient war nun bedingt ansprechbar, reagierte zu mindestens auf Schmerzreiz und öffnete einmal kurz die Augen. Es konnte beim Bodycheck eine leichte Blutung am Ohr festgestellt werden. Dem Notarzt machte dies zunächst sehr nervös, er dachte schon an ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und wollte einen Hubschrauber bestellen, dies konnten wir aber verhindern, da die Blutung nicht aus dem Ohr kam, sondern durch den Sturz am Ohrläppchen entstanden ist.

Irgendwie lief alles recht chaotisch ab, es war einfach alles viel zu eng, sodass der Notarzt letztendlich sehr weit vom Patienten weg war und auch nicht direkt am Patienten viel Arbeiten wollte. Trotzdem blieb kurz Zeit, dass ich die Glückwünsche von den Kollegen zum bestanden RA-Abschluss bekam.

Der Notarzt ordnete nun zur Blutdrucksenkung die Gabe von Urapidil an. Ich konnte das Aufziehen an den Einsatzleiter abgeben.
In dieser Zeit habe ich auf Anweisung vom Notarzt noch eine Pupillenkontrolle durchgeführt. Aufgrund der Lage des Patienten nicht so einfach, doch ich konnte eine seitengleiche Reaktion feststellen.

Der Patient bekam nun das Urapidil von mir verabreicht. Eine weitere Blutdruckmessung war in seiner Lage nicht möglich. Es sollte nun zügig in den RTW gehen. Wir zogen den Patienten zunächst etwas nach vorne und konnten ihn dann auf das Tragetuch lagern. Die Anlage eines Stifnecks scheiterte aufgrund des nicht vorhandenen Halses des Patienten, leider.

Mit dem Tragetuch ging es nun durch das sehr enge Haus bis zum Eingang, wo unsere Trage bereit stand. Darauf wurde der Patient nun gelagert und es ging zügig in den RTW. Dort konnte ich das Monitoring mit EKG, Blutdruck, Sättigung und Puls wieder anschließen. Der Blutdruck war weiterhin sehr hoch, doch mittlerweile im tolerierbaren Bereich für einen Schlaganfall (unter 220 mmHG).

Der Notarzt begleitete den Transport mit mir zusammen beim Patienten. Das Krankenhaus wurde über die Leitstelle durch den Einsatzleiter vorverständigt.

Im Krankenhaus konnten wir unseren Patienten dann an das Team der Notaufnahme und den diensthabenden Neurologen übergeben.

Nach diesem Einsatz musste ich erst einmal kurz durchschnaufen, denn so schnell hatte ich mir den Wechsel auf den RTW nicht vorgestellt. Gleichzeitig fand ich den Einsatz insgesamt recht chaotisch, doch dies war wohl nicht mir als Rettungsassistentin, sondern der Gesamtsituation geschuldet.

Danach galt es noch, den RTW wieder fit zu machen, ein Einsatzprotokoll zu schreiben sowie den Zettel für die Abrechnung wegen zusätzlicher RTW-Besatzung auszufüllen. Den Notarzt haben wir auch noch heimgefahren. Nach fast 2 Stunden war dann dieser Einsatz für mich abgehackt und die Theorie vom Abschlussgespräch direkt in die Praxis umgesetzt, allerdings war die Theorie mit dem Unterzucker etwas einfacher 😉

 

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3 Kommentare

  1. Huh, das ging ja gleich in die Vollen.

    Kurze Rückfrage aus meiner völligen Laienperspektive: Was meinst du mit „Die Anlage eines Stifnecks scheiterte aufgrund des nicht vorhandenen Halses des Patienten, leider“? Theoretisch sollte doch jeder Mensch einen Hals besitzen oder waren die Ausmaße des Stiffnecks einfach nicht mit der Anatomie des Patienten kompatibel?

    1. Ja, von 0 auf 100, so schnell geht es manchmal!

      Der Stifnecks war selbst in der kleinsten Einstellung noch zu „lang“ für den Hals des Patienten. Dazu lag er etwas ungünstig, sodass die Anlage anatomisch einfach nicht möglich gewesen ist.

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