Zwischen Gelassenheit und totaler Anspannung


Ich war in einer Nachtschicht zusammen mit einem jungen Praxisanleiter unterwegs. Bisher lief die Schicht recht entspannt und es ist noch recht ruhig gewesen. Wir hatten mit den Kollegen viel auf der Wache gelacht und Spaß gemacht.

Nun wurden wir in einen Außenort der Stadt alarmiert. Es ging zu einem Notfalleinsatz in eine Gaststätte, gemeldet waren Herzbeschwerden, Z.n. Kollaps, mehr war nicht bekannt. Mein Kollege fuhr den RTW mit Sondersignal durch die Nacht. Die Stimmung war immer noch recht entspannt. Ich machte mir Gedanken, was wohl genau vorliegen sollte, vielleicht zuviel Alkohol oder stickige Lust, evtl. auch ein Herzinfarkt, mal sehen.

Am Einsatzort angekommen, änderte sich die Stimmung jedoch schlagartig. Auf der Straße wartete hektisch winkend bereits eine ganze Familiengesellschaft auf uns. Sie empfingen uns mit den Worten, Schnell, schnell, der Patient ist schon ganz blau. Dazu bekam ich beim Aussteigen gleich einen Arzbrief mit einer bekannten Koronaren Herzerkrankung in die Hand gedrückt. Es stellt sich schnell heraus, dass der Mann, wohl bewusstlos ist und auch nicht mehr atmet, alles lief schlagartig auf eine Reanimation hinaus.

Mein Kollege und ich schalteten also innerhalb von wenigen Sekunden von rechter Entspanntheit auf totale Anspannung und Konzentration. Ich schnappte mir das EKG/Defi und das Beatmungsgerät aus dem RTW, mein Kollege den Notfallkoffer und die Absaugung. Danach gehts in das Obergeschoss des Gesthauses.

Dort anngekommen, liegt ein zyanotischer, ca. 60-jähriger, recht korpulenter  Mann auf dem Boden im Festsaal. Um ihn herum stehen 2 Männer, die ihn wohl wiederbeleben und eine Dame neben dem Kopf.

Jetzt läuft alles ganz schnell ab. Es wird die weitere Reanimation vorbereitet. Der Patient hat eindeutig keinen Kreislauf, als Atmung ist eine Schnappatmung vorliegend. Ich schalte das EKG ein, packe die Defi-Elektroden aus, mein Kollege versucht das Hemd des Patienten aufzubekommen, es wird zerschnitten.

Gleichzeitig sind auf einmal alle Gäste verschwunden, nur die Dame stellt sich als Krankenschwester vor und will gerne helfen. Dazu bekommt sie von uns ein Paar Handschuhe sowie den Beatmungsbeutel mit Maske.

Derweil alarmiere ich über Handy den Notarzt nach. Dieser war ja bisher nicht mitalarmiert und von den Gästen steht gerade niemand zur Verfügung. Die Meldung bei der Leitstelle dauert nur wenige Sekunden.

Währenddessen hat mein Kollege die Elektroden aufgeklebt. Ich drücke auf Analyse und beginne mit der Herzdruckmassage. Die Reanimation ist für mich gerade recht anstrengend, da ich gegen die Schwungmasse des Bauchs vom Patienten beim Drücken ankämpfen muss. Hierbei fällt es mir schwierig, wirklich die Frequenz zu halten, doch ich kämpfe weiter erfolgrei h gegen den Bauch.

Bald folgt die erste Analyse. Dabei sehen wir ein Kammerflimmern. Der Defi läd, ich gebe den Schock frei. Danach geht´s mit dem Drücken weiter. Die Krankenschwester beatmet am Kopf oder besser, sie probiert es, kämpft mit dem Kopf. Dabei muss sie auch absaugen, da unser Patient bereits vor unseren Eintreffen aspiriert hat. Mein Kollege versucht derweilen einen Zugang zu legen, was sich recht schwierig gestaltet, aber irgendwann gelingt.

Die Reanimation läuft jetzt durch. Ich versuche noch einen Helfer einzubinden, was jedoch beim Drücken nicht gelingt. Somit übernehme ich wieder die Herzdruckmassage und die Reanimation läuft weiter. Bewusst entscheiden wir uns erst einmal alles so weiterlaufen zu lassen und den Patienten nicht zu intubieren, da die Krankenschwester am Kopf die Beatmung mit Maske/ Beutel jetzt recht gut durchführt und wir der Meinung sind, dass der Notarzt besser intubieren sollte, da es auf schwierige Verhältnisse hinaus läuft. Insgesamt geben wir 3 Schocks ab.

Danach sehen wir auf dem Monitor wieder einen recht regelmäßigen Herzrhythmus, den auch unser Defi als nicht schockbar erkennt. Auch hat unser Patient jetzt wieder einen Puls. Nun wird der Blutdruck und die Sauerstoffsättigung gemessen. Dazu findet eine kontinuierliche Beamtung durch die Krankenschwester statt.

Nun trifft auch der alarmierte Notarzt mit seinem Fahrer ein und wir machen ihn eine Übergabe mit allen wichtigen Fakten. Er kommt sozusagen genau richtig, als unser Patient wieder einen eigenen Kreislauf hat.

Der Notarzt möchte nun eine Narkose machen und zudem noch Amiodaron verabreichen, danach soll der Mann intubiert und maschinell beatmet werden. Der Rettungsassistent bereitet die Medikamente vor, der NEF-Fahrer die Intubation.

Derweilen kläre ich über die Leitstelle ab, ob das Herzkatheterlabor in unserer Stadt einsatzbereit ist und lasse den Patienten mit allen bekannten Daten voranmelden.

Danach bereite ich nach Rücksprache mit dem Notarzt bereits den Transport vor. Die Trage wird vor die Türe gestellt. Das Tragetuch neben dem Patienten vorbereitet.

Der Notarzt hat bereits die Narkose durchgeführt und der Patient ist auch schon intubiert. Wir schließen jetzt das Beatmungsgerät und die Kapnometrie an. Danach wird der Patient auf das Tragetuch gelagert und mit Hilfe von weiteren Personen durch das enge Treppenhaus zur Trage gebracht.

Schnellstmöglich geht es an der ganzen Gesellschaft vorbei in den RTW. Dort wird nochmals das Monitoring überprüft und sortiert. Auch gibts noch eine letzte Lage an die Leitstelle.

Nun fahren wir mit Sonderrechten in die Klinik der Maximalversorgung. Der Patient ist mittlerweile kreislaufstabil, die Werte liegen alle im normalen Bereich. Das EKG ist nicht ganz so gut beurteilbar, auf jeden Fall ist eine Herzerkrankung ersichtlich, ein AV-Block und eine Veränderung in Richtung Herzinfarkt sind wahrscheinlich.

Der Notarzt begleitet zusammen mit mir hinten im RTW. Die Stimmung ist mittlerweile wieder etwas entspannter. Ich gebe dem Notarzt noch weitere Informationen über den Verlauf. Der Notarzt schreibt auch bereits seine Dokumentation.

An der Klinik werden wir im Schockraum bereits erwartet. Dort übergeben wir den Patienten an das Notaufnahme-Team mit Kardiologen, diensthabenden Internisten, Anästhesisten und Pflegepersonal.

Danach ist der eigentliche Einsatz vorbei. Doch es folgen die ganzen weiteren Maßnahmen. Dazu gehört vor allem eine ausführliche Dokumentation und der RTW muss mit allen Gerätschaften wieder einsatzklar gemacht werden. Dies nimmt noch einmal eine ganze Zeit in Anspruch, aber es gehört dazu und man kann so auch über den Einsatz nachdenken. Auf der Wache muss dann auch noch das EKG ausgelesen und die Verbrauchsmaterialien aufgefüllt werden.

Dies war meine erste Reanimation seit langem und dazu die erste als Rettungsassistentin im Praktikum. Ich habe darauf bereits lange gewartet und hoffte eigentlich auf eine andere Situation, doch fürs erste wars Mal als „Chef“ bzw. Begleiterin auf dem RTW wars ok.

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