Der Rasierer hinter dem Ofen…


Manchmal merkt man bereits beim Lesen der Notfallmeldung im Display des Rettungswagens, dass dieser Einsatz wohl ein Kuriosum werden wird.

So auch in meiner letzten Rettungsdienstschicht. Ich bin unterwegs mit einem älteren Kollegen, der bereits viele Jahre Rettungsdiensterfahrung hat und wir haben auf dem RTW bereits einige Stunden der Schicht verbracht. Nun werden wir zu einem Notfalleinsatz mit dem Schlagwort „Verletzt“ alarmiert. Dies klingt eher weniger spektakulär. Auf dem Display mit den Leitstelleninformationen lesen wir, dass sich ein Mann einen Ofen auf die Füße geworfen hat und sich dann dabei irgendwie mit der Rasierklinge geschnitten hat. Ich muss erst noch einmal lesen, denn was hat der Ofen mit der Rasierklinge zu tun. Auf jeden Fall fahren wir mit Sonderrechten durch den Feierabendverkehr und ich rätsle mit dem Kollegen, wo sich der Mann wohl geschnitten hat und was da überhaupt los ist.

Am Einsatzort angekommen, lassen uns zwei Nachbarn ins Haus. Wir suchen die betreffende Wohnung und dort wartet nach Klingeln bereits unser Patient an der Wohnungstüre. Er blutet deutlich an den beiden Händen sowie am Unterschenkel.

Auch in der Wohnung befindet sich überall ein bisschen Blut. Insgesamt ist er aber augenscheinlich nicht vital bedrohlich und der Patient ist kreislaufstabil. Mein Kollege schaut sich noch einmal die Unfallstelle genauer an.

Der ca. 40-jährige Mann erzählt uns, dass sein Rasierer hinter dem Nachtspeicherofen gefallen war und dann wollte er ihn wieder hervor holen. Dies gestaltete sich wohl sehr schwierig, sodass der Mann den Ofen nicht nur verschoben hat, sondern auch noch umgekippt hat. Dieser ist dann auf den Füßen bzw. Unterschenkel gelandet. Beim Befreien hat er sich dann auch noch entweder am Rasierer direkt oder aber eher an den scharfen Kanten des Ofens geschnitten. Ist einfach blöd gelaufen, meint unser Patient, wobei wir nur zustimmen können.

Da unser Patient zwar Schmerzen im Unterschenkel und in der Hand hat, aber noch selbst laufen kann, beschließen wir zügig zum RTW hinunter zu gehen und ihn dort weiter zu versorgen. Der Mann ist augenscheinlich auch nicht ganz nüchtern und hat sicherlich ein paar Bier getrunken. Auf Nachfrage versichert er uns zunächst, dass der Ofen nun aus sei. Aufstellen kann man den weit über 50 Kilo schweren Nachtspeicherofen nur mit Hilfe. Wir lassen ihn also umgekippt liegen.

Auf dem Weg zum RTW trifft auch noch eine Polizeistreife ein, die aufgrund des recht seltsamen Meldebildes mitalarmiert wurde. Diese verabschieden sich jedoch schnell wieder.

Im RTW angekommen versorgen wir erst einmal unseren Patienten. Es werden die Vitalwerte gemessen, welche alle im Normbereich liegen und die Schnittwunden an der Hand großflächig verbunden. Ich wickle also fleißig Verbände, auch das eine Schienbein wird verbunden. Es scheint nicht gebrochen zu sein, doch auch eine Prellung tut eben weh.

Danach geht es mit dem Patienten ins Klinikum zur weiteren Versorgung. Auf dem Weg dorthin erzählt der Patient etwas mehr. Er regt sich zwar hauptsächlich über seinen Vermieter auf, doch es wird auch eines klar: der Nachtspeicherofen ist nicht vollkommen ausgeschaltet. Der Ofen ist auf mittlere Wärme eingestellt und läuft von selbst an, ausgeschaltet, also von der Stromversorgung getrennt, wurde er nicht.

Als wir dies hören, müssen wir handeln. Während ich also am Klinikum noch die restliche Dokumentation erledige, kontaktiert mein Kollege die Leitstelle. Auf jeden Fall muss hier gehandelt werden und somit fährt nun die Polizei zum Klinikum und holt den Wohnungsschlüssel, zudem kommt die Feuerwehr direkt zur Wohnung.

Unseren Patienten ist dies relativ egal. Er will lieber auf seine Frau warten, die würde das Problem schon rechtzeitig erledigen. Er muss auch mit Verband unbedingt vor dem Klinikum noch eine selbst gedrehte Zigarette rauchen, obwohl ich dringend davon abgeraten habe. Auch im Klinikum sind die Pflegekräfte und der diensthabende Chirurg wegen des Unfallhergangs leicht amüsiert bzw. verwundert.

Im Nachhinein erfahren wir, dass die Polizei und Feuerwehr mit vereinten Kräften den Ofen wieder aufgestellt haben. Dieser war wohl noch schwerer als erwartet und beim Eintreffen bereits deutlich mehr als handwarm geworden.

Insgesamt einfach ein kurioser Einsatz bei dem man wieder einmal gemerkt hat, wie unbedarft mancher Bürger ist und was alles so passieren kann.

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2 Kommentare

  1. Hab ja schon eineige kuriose Geschichten gehört, aber sowas noch nicht!!
    Solche Einsätze halten doch auch bei Laune 😉

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