Eine RTW-Schicht in der Fremde (2)


So nach der erholsamen Zeit ging es bald schon wieder mit der Arbeit auf dem RTW in der Fremde:

Im Behandlungszelt lag eine junge Patientin aus dem Ausland. Sie hatte zweimal einen Ball direkt an den Kiefer bekommen. Neben Schmerzen konnte die 13-Jährige auch den Mund nicht wirklich weit öffnen. Sie traute sich aber auch nicht, da es eben weh tat. Schwierig war die Situation mit der Betreuerin, denn diese hatte wenig Einsicht, dass man dies jetzt ärztlich abklären lassen müsse und nicht Stunden oder gar einen Tag Warten sollte. Nach einigen Diskussionen konnte Marc die anstrengende Dame überzeugen und so wurde wieder einmal der Transport abgeklärt.

Auch hier kam die Transporterlaubnis der Leitstelle. Wie beim letzten Transport wurde das Mädchen auf die Trage umgelagert und in den RTW gebracht. Ich wurde wieder als Begleiterin hinten im Rettungswagen eingesetzt. Auch die Betreuerin fuhr mit ins Krankenhaus. Dieses Mal ging es einmal quer durch die ganze Uni-Stadt, denn wir würden ins Uni-Klinikum mit der Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgie fahren. Die normale Kinderklinik ist hierfür nicht geeignet.

Der Transport verlief ohne Zwischenfälle. Das Mädchen hatte eindeutig Schmerzen. Die Betreuerin war sehr sturr und redete zunächst gar nicht. Nachdem ich versucht habe, der Patientin ein wenig die Angst zu nehmen, kam auch endlich von der Betreuerin etwas Zuspruch und Aufmunterung.

In der Uniklinik ging alles sehr schnell. Wir meldeten uns an und danach ging es in einen speziellen Raum zum Umlagern von Patienten. Dies sollte dort alles sehr zügig gehen. Meine Kollegen klärten mich danach erst auf, dass das Personal eine schnelle Übergabe wünscht, da man nie weiß, ob bereits der nächste Patient kommt. Zudem sind die Bereiche dort sehr streng getrennt und der Rettungsdienst kommt gar nicht zu den Behandlungsräumen der Notaufnahme. Ich musste mich daran erst gewöhnen. Doch somit hatte ich nun die nächste Klinik in der großen Stadt kennen gelernt.

Auf der Rückfahrt sollte ich noch zwei weitere Krankenhäuser der Stadt kennen lernen. Der weitere Krankenwagen beim Sanitätsdienst hatte nämlich bei einem weiteren Einsatz das Tragetuch in einer Klinik liegen lassen und danach suchten wir nun. Außerdem war es für die Fahrerin des RTW eine weitere kleine Übung von einem Ort zum anderen zu gelangen, ganz ohne Navi und Co. Man muss nämlich dazu sagen, dass es auch für Sie neu war einen RTW zu fahren, denn ihr fehlte bislang die Ortskundeprüfung, die in der Unistadt und dem Umland erforderlich ist. Daher wurde sie von Marc eben als Fahrerin eingesetzt und er kontrollierte sie immer. Somit hatte er weiterhin die Gesamtverantwortung, zum einen für mich als Begleiterin und zum anderen für die frisch gebackene Rettungssanitäterin als Fahrerin.

Das Tragetuch fanden wir zwar in den Kliniken nirgends, doch immerhin kannte ich jetzt bereits alle Kliniken der Unistadt. Jetzt sollte es pünktlich zum Abendessen wieder zurück zum Sanitätsdienst gehen. Dort gab es nun für alle Sanitäter leckere Sachen vom Grill mit Salat. Die Bratwürste und Steaks schmeckten echt allen sehr gut. Auch der reguläre Notarzt war mit seinem Fahrer gekommen. Überhaupt war er viel bei uns, denn es war beim San-Dienst einfach unterhaltsam. Beim Essen erfuhren wir auch, dass die beiden Mädels jeweils einen mehrfachen Bänderriss erlitten hatten und wieder aus dem Krankenhaus zurück waren, sie teilten also nun das Schicksal des Laufens mit einer Aircast-Schiene für die nächsten Wochen.

Doch schon bald sollte wieder ein größerer Notfall auf uns warten.  Es kamen ein paar Spielerinnen zum Sanitätsdienst gerannt. Sie meinten, dass eine Spielerin gestürzt sei und nun nicht mehr aufstehen kann. Es machte sich sofort eine Gruppe des Sanitätsdienstes mit 4 Personen, Notfallrucksack und Rolltrage auf dem Weg zu einem nahe gelegen Spielfeld. Dort lag eine Jugendliche am Boden und hatte augenscheinlich Schmerzen. Die Sanitäter entschlossen sich dennoch sie umzulagern und sie zum Behandlungszelt zu bringen. Dort könnte man sie eben viel besser versorgen. Das Umlagern ging mit drei kräftigen Männern anscheinend sehr gut.

Beim Behandlungszelt angekommen war allen Sanitätern klar, dass her etwas schlimmeres vorliegt. So wurde sofort der anwesende Notarzt hinzugezogen. Da kamen wir als RTW-Besatzung und vor allem unser erfahrener Marc natürlich auch dazu. Die junge Patientin lag mit sehr starken Schmerzen auf der Rolltrage. Sie konnte die Beine nicht ausstrecken. Man bekam von den Mitspielerinnen zu hören, dass sie bereits vor kurzem eine luxierte Hüfte hatte, dies sei aber wieder in Ordnung gewesen. Augenscheinlich lag jetzt auch wieder eine Hüftluxation vor.

Die Patientin wurde nun von vielen Helfern versorgt. Es wurden zwei Zugänge gelegt, dazu die Vitalparameter überwacht. Sie bekam Morphin gegen die Schmerzen, doch leider half dies nicht wirklich (der Notarzt wollte jedoch zunächst kein Fentanyl). Marc leitete hier alles. Auch der Notarzt hörte mehr auf ihn, als dass er selbst Anweisungen gab. Wir zogen noch weitere Medikamente auf. So gab es noch Vomex gegen Übelkeit und Dormicum sowie Ketanest zur Analgosedierung. Dies alles in reichlicher Dosierung. doch trotzdem blieben Schmerzen. Wir bereiteten das Umlagern auf die Trage des RTWs vor, auch klärte Marc alles weitere mit der Leitstelle ab. Es handelte sich hier schließlich um einen Notarzteinsatz, bei dem der Notarzt schon vor dem Alarm vor Ort gewesen ist. Unser Rettungswagen bekam aufgrund des zeitlichen Vorteils wieder die Transporterlaubnis.

Jetzt konnte die ca. 14-jahre alte Patienten also umgelagert werden. Mit Schaufeltrage ging es von der einen Trage auf die andere. Darunter lag nun eine Vakuummatratze. Diese wurde anschließend gut angeformt und abgesaugt. Alles im bzw. vor dem Behandlungszelt. Dort war gerade aber auch sonst einiges zu tun, sodass der Platz recht eng wurde. Mit gemeinsamen Kräften wurde die Patientin jedoch schonend in der Vakuummatratze gelagert. Danach ging es schnellstmöglich in den RTW.

Dort wurde nochmals Blutdruck gemessen und ein Überwachungs-EKG angeschlossen sowie Sauerstoff verabreicht. Hier merkte ich wieder, dass ich in einen fremden RTW bin und echt alles suchen musste (angefangen von der Sauerstoffmaske bis hin zu den EKG-Elektroden). Nun sollte es zusammen mit dem Notarzt in die Kinderklinik gehen. Wieder bekam ich das Vertrauen und durfte begleiten, denn Marc wollte lieber vorne einsteigen und die Fahrerin unerstützen. Vom Beifahrersitz aus kontrollierte er uns zwei wiederum.

Mit Sondersignal ging es nun durch den regen Samstagsverkehr in die Unistadt. In der Klinik waren wir vorangemeldet und das mitfahrende Notarztfahrzeug machte uns ein paar mal den Weg durch die vielen Kreuzungen frei. Es war für mich eine anstrengende Fahrt. Ich kannte den Notarzt nicht wirklich (vom Plaudern mal abgesehen) und er schrieb nun sein Protokoll, während ich versuchte die Patientin bestmöglich zu betreuen und zu überwachen. Die Vitalparameter waren alle gut, die Atmung aufgrund der Schmerzen sehr schnell. Ich versuchte die Jugendliche zu beruhigen, sie hatte sichtlich immer noch starke Schmerzen, die durch die Fahrt mit Sondersignal über die nicht immer tollen Straßen nicht besser wurden.

Dabei versuchte ich auch den Notarzt zum Reagieren zu bringen und ihr noch einmal etwas vom Fentanyl zu spritzen. Doch leider reagierte er darauf nicht. Erst als wir an der Klinik angekommen waren, hat Marc nochmals den Notarzt dazu gebracht, dass er ihr das Fentanyl noch spritzt, damit sie im Krankenhaus das Umlagern übersteht. Marc kennt den Notarzt sehr gut und traut sich hier auch etwas eigenständig zu geben, dies ist für mich absolutes Neuland.

In der Notaufnahme werden wir bereits erwartet. Das Team aus Schwestern und einer Ärztin empfängt uns im Behandlungsraum. Es wird eine schnelle Übergabe gemacht und die Patientin schonend, aber immer noch mit Schmerzen umgelagert.

Danach machen wir unseren RTW wieder einsatzklar. Die Fahrerin wirkt sichtlich mitgenommen von der anstrengenden Fahrt mit Sondersignal durch die Stadt. Doch auch ich bin aufgewühlt, denn ich hätte der Patientin gerne mehr gutes getan. Marc bespricht den Einsatz mit uns nach. Besonders mir gibt er den Hinweis, dass ich alles richtig gemacht habe. Er selbst hätte wahrscheinlich einfach selbstständig dem Notarzt gedrängt, dass er Fenta spritzen darf. Auch eine Narkose mit Intubation hätte Marc in Erwägung gezogen. Dies ist für mich relatives Neuland, als Begleiterin sowieso, doch auch als Rettungssanitäterin habe ich diese starken Schmerzen so extrem noch nie erlebt. Unsere Patientin hatte zum Zeitpunkt der Übergabe echt sehr viel an Medikamenten bekommen, mehr als viele kräftige junge Männer vertragen würden.

Ich hake diesen Einsatz irgendwo als Erfahrung sammeln ab, mehr kann ich nun nicht mehr machen. Es sollte schließlich noch ein Highlight anstehen. Mark hat mit der Leitstelle über Telefon ausgemacht, dass wir kurz zu Besuch kommen dürfcn. Ich freue mich riesig, denn schließlich war dies eine Leitstelle einer Berufsfeuerwehr, die ich nun kennenlernen durfte.

An der Feuerwache begeben wir uns in das Herzstück der Leitstelle, den Einsatzleitraum mit den ganzen Arbeitsplätzen der Disponenten. Alle begrüßen uns herzlich. Marc ist dort sehr bekannt und scherzt mit den Disponenten. Die Fahrerin und ich halten uns zunächst sehr zurück. Doch irgendwann werde ich gesprächig und gebe zu, dass ich als nebenamtliche Mitarbeiterin auch in einer Leitstelle arbeite. Dadurch ist mir auch die Arbeitsweise und die Software bekannt. Nun kann ich einmal eine große Leitstelle sehen und die Arbeit erleben. Währenddessen läuft übrigens auch ein Vorrundenspiel der späteren Weltmeistermannschaft Deutschland.

In der Leitstelle selbst ist es daher gerade recht ruhig. So bekommen wir einen Einblick und Marc kann etwas mit den Disponenten plaudern. Ich frage noch, ob ich die Ausnahmeabfrageplätze sehen darf. Dieser Wunsch wird mir nicht verwehrt. Insgesamt ist alles noch moderner als ich es von meiner Leitstelle kenne. Die Ausnahmeplätze sind auch geräumiger. Dort komme ich mit einer sehr netten Disponentin noch etwas tiefer ins Gespräch. Wir tauschen uns über ein paar Vorgehensweise und die Unterschiede einer großen Leitstelle mit einer eher kleineren aus.

Während der Verabschiedung in der Leitstelle haben wir auch noch mitbekommen, dass unsere junge Patientin nicht nur eine Hüftluxation, sondern gar eine Fraktur des Beckens hat. Sie wurde zur Operation in ein anderes Krankenhaus verlegt.

Nun geht es wieder zurück zum Sanitätsdienst. Dort können wir noch mit den anderen Kameraden das Ende des Fußballspiels der deutschen Nationalmannschaft ansehen. Dies stellt somit das Ende des Tages auf dem RTW für mich da.

Die Tagschicht auf dem Rettungswagen hat mir echt viel gebracht. Ich konnte einen Blick über den Tellerrand des eigenen Gebiets gewinnen und einiges neues erleben. Auf jeden Fall hat dieser Tag sehr viel Spaß gemacht und ich habe viele neue Erfahrungen machen dürfen.

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3 Kommentare

  1. Wieder ein schön geschriebener Artikel. Bei den Turnieren gibt es eigentlich immer was vom Grill, aber ich bin meistens beim Salatteller angelangt, der hält sich ohne Kühlung ja doch etwas besser als das Grillgut. Und ganz wichtig für die Entscheidung ist natürlich das Auge und der Vorkoster – ich steh nicht so auf Schuhsohle und Kohlenstoffzustand

  2. Wenn ich das so lese, sträuben sich mir ein bisschen die Nackenhaare.

    Die erste Patientin hat offenbar ziemliche Schmerzen, wieso wird sie nicht mit Schmerzmitteln versorgt und wieso sitzt der RA nicht hinten?

    Bei dem anderen Einsatz frage ich mich, wieso wird bei einem Trauma nicht immobilisiert? Die Kombination aus Morphin, dann Ketanest/ Dormicum und dann Fentanyl verstehe ich nicht wirklich.

    1. Ok vielleicht muss ich noch etwas aufklären.

      Die Patientin mit den Schmerzen im Kiefer hatte Schmerzen, doch sie wurde sehr oft gefragt, wie stark die Schmerzen sind und ob sie etwas dagegen braucht. Sie hat die Schmerzen nicht zu stark eingestuft und wollte keine Schmerzmittel. Sie hatte auch eher Angst, dass etwas schlimmeres sein könnte und wollte eben erst eine Abklärung. Somit haben wir uns hier für einen „einfachen“ Transport ohne Notarzteinsatz und Schmerzmittel entschieden. Es war hier schon schwierig genug, um überhaupt die Betreuerin zum Transport zu bewegen.
      Letztendlich war es nicht merh als ein Krankentransport und somit die Begleitung durch eine Rettungssanitäterin auch ausreichend.

      Bei der Patientin mit der Hüftluxation bzw. Beckenfraktur haben die zunächst anwesenden Sanitäter eben nicht sofort die Lage erkannt und die Patientin somit erst einmal auf die Rolltrage gelagert. Später wurde sie dann ja auch mittels Schaufeltrage umgelagert und auf der Vakuummatratze immobilisiert.
      Was hättest du denn anders gemacht außer dem ersten Handeln der Sanitäter?
      Zur Medikamentengabe möchte ich sagen, dass es natürlich nicht sinnvoll ist, zunächst Morphin und danach Fentanyl zu geben. Dies wurde auch von dem anwesenden RA gesagt, doch der Notarzt wollte zunächst nur Morphin geben. Später entschloss man sich aufgrund der starken Schmerzen noch zur Kombination Ketanest/Dormicum sowie noch einmal später zu Fentanyl. Dies war pharmakologisch nicht alles sinnvoll, doch der Arzt wollte dies eben so und somit wurde es auch nach einer kurzen Diskussion (bei einem solchen Einsatz kann man ja nicht stundenlang diskutieren) auch so gespritzt.

      Ich hoffe, dass ich ein bisschen aufklären konnte.

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