Helfen wollen und Helfen dürfen


Gerade ist das Thema Medikamentengabe durch Rettungsassistenten sehr heiß diskutiert. In meiner letzten Schicht auf dem Rettungswagen gab es auch für mich eine heikle Situation.

Ich war tagsüber zusammen mit einem sehr routinierten Rettungsassistenten auf dem Rettungswagen unterwegs. Unsere Schicht neigte sich bereits dem Ende zu und wir wurden am späten Nachmittag nach einigen Einsätzen nochmals alarmiert. Es sollte in eine Nachbarstadt zu einer Huftluxation als Notfalleinsatz gehen.

Bereits auf der Anfahrt wunderte ich mich, dass nicht gleich ein Notarzt mitalarmiert wurde, denn wenn es sich wirklich um eine Luxation handeln sollte, dann würde eine Schmerztherapie sicherlich erforderlich sein.

Die Anfahrt mit Sondersignal zum Einsatzort sollte ungefähr eine Viertelstunde dauern. Normalerweise hat die Stadt einen eigene Rettungswache, doch die Kollegen waren unterwegs, genauso wie die nächste Rettungswache, sodass wir nun das nächstgelegene freie Fahrzeug waren.

Am Einsatzort angekommen, stand bereits ein Einweiser bereit, der uns durch die lange Hofeinfahrt zur Patientin bringen sollte. Diese saß halb auf einen Stuhl und hatte bereits auf den ersten Blick starke Schmerzen. Die Hüfte der ca. 70-jährigen Patientin war eindeutig luxiert.

Mein Kollege übernahm das Gespräch mit der ansonsten fitten Dame, während ich über Handy einen Notarzt zur Analgesie nachforderte. Eigentlich hätte man diesen gleich mitschicken können.

Danach erhob der Rettungsassistent die Vitalwerte, welche alle im Normalbereich gewesen sind. Die Dame war dort nur zu Besuch und hatte durch eine seltsame Bewegung ihr künstliches Hüftgelenk wohl luxiert. Sie hing nun halb sitzend auf dem Stuhl und man durfte sie nicht bewegen ohne große Schmerzen hervorzurufen. Mein Kollege klärte die Dame auf, dass wir den Notarzt hinzugerufen haben und dieser sie in eine Kurznarkose versetzen würde. Desweiteren wolle er nun bereits einen venösen Zugang legen. Ich bereitete Zugang und Infusion vor und der Rettungsassistent legte den Zugang.

Danach ging ich die Trage vor den Hauseingang stellen und die Vakuummatratze mit Absaugpumpe holen und bereitete diese im Flur vor. Mein Kollege zog währenddessen bereits Dormicum und Ketanest S auf. Uns war klar, dass der Notarzt auch fast solange wie wir zur Anfahrt benötigen würde.

Unsere Patientin hatte nun immer größere Schmerzen. Sie konnte sich auch nicht mehr auf den Stuhl halten. Mit größter Mühe schafften mein Kollege und ich es, die Dame wieder halbwegs auf den Stuhl zu setzten und zu halten. Doch auch dabei hatte sie große Schmerzen.

Sie wollte unbedingt etwas dagegen gespritzt bekommen, doch leider konnten wir sie nur auf den Notarzt vertrösten. Der Rettungsassistent und auch ich waren hier in großen Zugzwang, auf der einen Seite wollen wir helfen, auf der anderen Seite dürfen wir keine Medikamente spritzen. Auch die anwesenden Hausbewohner verstanden dies nicht ganz, doch mein Kollege versuchte es so gut es geht zu erklären. Wir durften einfach nichts spritzen, denn diese Medikamente sind nicht für Rettungsfachpersonal freigegeben. Der erfahrene Rettungsassistent und ich konnten uns hierbei nur ein paar Blicke zuwerfen und die Patientin versuchen mit Worten zu beruhigen, denn gerade nach den Entlassungen anderer Rettungsassistenten in einen anderen Bereich, konnten wir diese Entscheidung nicht ändern.

Zum Glück traf nun endlich der Notarzt ein. Er bekam eine zügige Übergabe und konnte nun der Dame zur Analgosedierung Dormicum und Ketanest S über den Zugang spritzen. Die Patientin benötigte noch eine weitere Ampulle Ketanest S, bis sie sich langsam entspannte.

Wir erklärten auch den Hausbewohnern und Besuchern, dass die Patientin nun durch die Medikamentengabe wirr redet und evtl. auch schreien könnte, doch sie nach dem Aufwachen aus der Kurznarkose davon nichts mehr wissen würde. Dies beruhigte die Angehörigen bzw. Freunde, denn unsere Patientin sprach bis die Narkose wirkte sehr viel und dies fanden die Freunde auch sehr interessant.

Nachdem die Dame nun sediert war, konnten wir den Stuhl wegziehen und die vorbereitete Vakuummatratze vorziehen. Somit konnte man sie hierauf gut lagern und der Notarzt reponierte die Hüfte. Wir saugten die Vakuummatratze ab und konnten die Patientin mithilfe eines Angehörigen nach draußen auf die Trage bringen.

Von dort aus ging es schnell in den RTW. Die Patientin bekam dort Sauerstoff und wieder ein Monitoring. So ging es nun möglichst schonend zum Krankenhaus, wo wir durch die Leitstelle vorangemeldet wurden.

Bei Ankunft im Krankenhaus konnte sich die mittlerweile wieder wache Patientin an nichts mehr erinnern. Zur Umlagerung auf die Krankenhausliege bekam sie vom diensthabenden Chirurgen ein schnell wirksames Betäubungsmittel verabreicht. Somit konnten wir die Dame halbwegs schmerzfrei dem Klinikpersonal übergeben.

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2 Kommentare

  1. Mir stellt sich die Frage warum ihr denn NA nicht per Funk/Telefon aufgeklärt um und um die Anweisung zur Verabreichung des Medikaments gebeten habt.

    1. Solch eine fernmündliche Medikamentenfreigabe ist bei uns nicht üblich. Dies erfolgt nur, wenn der NA den Patienten bereits gesehen hat.
      Der NA hätte in diesem Fall auch nicht darauf reagiert.

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