Tapferer kleiner Mann


Gleich zu Beginn der Nachtschicht oder besser gesagt eigentlich noch vor offiziellen Dienstbeginn wurden mein Kollege, ein sehr netter Rettungsassistent und ich als Rettungssanitäterin und Fahrerin als Rettungswagenbesatzung zu einem Kindernotfall alarmiert.

Es sollte in eine Spielewelt gehen, wo sich ein Kínd im Vorschulalter am Arm verletzt haben sollte. Nach Einsatzübernahme ging es also einmal mit Sondersignal durch den abendlichen Straßenverkehr. An der Lokalität angekommen wurden wir bereits von einem Einweiser erwartet. Es war ein älterer Herr, der ebenfalls in unserer Hilfsorganisation tätig ist und welchen wir gut kennen. Er hatte die Erstversorgung übernommen.

Er brachte uns zu dem kleinen Patienten Tim. Dieser wartete schreiend im Eingangsbereich. Als erstes stellten wir uns dem Jungen, welcher ca. 5 Jahre alt ist, vor und versuchen herauszufinden, was eigentlich passiert ist. Dabei ist noch ein Vater als Betreuer. Es wurde nämlich ein Kindergeburtstag gefeiert und nun hat sich der kleine Tim am Oberarm verletzt. er hat bereits ein schickes Armtragetuch bekommen, doch dies gefällt ihm nicht. Er hält seinen Arm mit der anderen Hand ganz fest und möchte mit uns selbst langsam zum Rettungswagen laufen.

Dort setzten wir Tim erst einmal ganz behutsam auf unsere Trage, doch auch hier schreit er bereits vor Schmerzen und Angst. Er erzählt uns, dass er sich irgendwie in der Rutsche verletzt habe, wie genau weiß jedoch niemand so genau.

Wir können den Jungen zunächst beruhigen und beschließen den Arm in seiner jetzigen Stellung zu lassen. Tim möchte ihn am liebsten selbst halten. Bei einer ersten Untersuchung, soweit man etwas machen darf, sieht man deutlich eine Fehlstellung, jedoch zunächst unklar, ob es sich wirklich um eine Frakur handelt oder ob es eine Luxation bzw. eher eine Muskelverletzung sein könnte.

Mit dieser Diagnose will der Rettungsassistent möglichst zügig zur genaueren Untersuchung in die Klinik fahren. Der Betreuer möchte mitfahren. Doch bereits nach wenigen Metern Fahrt wird klar, dass der Junge aufgrund der Schlaglöcher in der Straße starke Schmerzen hat.

So halte ich an und wir bestellen uns durch die Leitstelle einen Notarzt zur Schmerzbekämpfung nach. Während wir auf den Notarzt warten, beruhigen wir Tim. Mein Kollege stabilisiert mit seiner Hand den verletzten Arm des Jungen. Wir erklären ihn auch, was nun genau passieren wird.

Tim ist ganz tapfer und erwartet sehnsüchtig den Notarzt, damit er keine Schmerzen mehr haben muss. Er will auch kein Kuscheltier von uns, denn dafür sei er schon zu alt. Ich erkläre ihm, dass die Spritze, also den Zugang, den er bekommen wird, nur einmal kurz wehtut und danach seine Schmerzen im Oberarm bekämpft werden. Dies nimmt der Junge beruhigend hin, denn die Schmerzen im verletzten Arm sind schließlich schlimmer als ein kleiner Pieks.

Danach bereite ich schon einmal alles für den Zugang sowie eine Infusion vor. Mein Kollege kann sich ja gerade nicht mehr bewegen, da er weiterhin den Arm stabilisiert.

Bereits kurz darauf trifft der Notarzt ein und erkundigt sich, was denn los sei. Wir erklären ihn ausführlich die Situation. Der erfahrene Arzt legt am gesunden Arm einen kleinen blauen Zugang, was der tapfere Tim auch ganz ruhig über sich ergehen lässt. Nur seinen verletzten Arm darf man auf keinen Fall loslassen, denn darauf vertraut er sehr stark, denn selbst kann er ihn nicht mehr halten.

Danach ziehe ich auf Weisung des NA Dormicum und Ketanest auf, welches der Junge nun über den Zugang gespritzt bekommt. Tim ist sehr ruhig, wahrscheinlich ruhiger wie manche Erwachsene und sagt noch stolz wie viel er wiegt, damit der Arzt weiß, wie viel er ungefähr spritzen muss.

Nun wird der Junge Mann ruhiger und schläft friedlich. Er bekommt noch etwas Sauerstoff und reagiert noch leicht auf Ansprache. Der Rettungsassistent und der Notarzt schienen nun mit Hilfe einer Samsplint-Schiene den Arm.

Nach dieser Versorgung geht es jetzt ins Krankenhaus. Davor werden noch die Eltern über Handy verständigt. Mein Kollege fährt das Notarzteinsatazfahrzeug hinter her und der selbstfahrende Notarzt begleitet im Rettungswagen.

In der Klinik ist Tim bereits wieder hellwach und fragt immer wieder nach seinem Arm und warum ihn keiner hält. Ich erkläre ihn, dass er ganz fest verbunden ist und nichts passiert. So lässt sich der Junge auch auf die Krankenhausliege umlagern und kann damit sofort zum Röntgen gebracht werden.

Später erfahren wir als Besatzung, dass Tim eine sehr komplizierte Oberarmfraktur hat und operiert werden muss. Wir leiden ein bisschen mit ihm. Bei Kindernotfällen ist eben immer alles ein wenig anders. Das Hauptaugenmerk liegt hier auf Trösten und für die Kinder in der total fremden Situation da sein. Allerdings merkt man auch, dass Kinder solche Unfälle viel besser wegstecken wie Erwachsene und wie hier sehr tapfer sein können.

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2 Kommentare

  1. Toller letzter Satz. 🙂 Und ich stelle mir gerade vor, wie es wäre Erwachsenen bei einer Streiterei einfach einen Teddy zu schenken 😀 Oder den Eltern, wenn ihre Tochter doch so schlimm schwer tragisch lebensbedrohlich… umgeknickt ist.

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