Sturz vom Dach, Trauma und los


Bisher verließ die Schicht zwar nicht ruhig, doch die abgearbeiten Einsätze waren alle alltäglich und nicht die spannendesten, um dies einmal so zu sagen. Dies sollte sich jedoch jetzt ändern.

Nachdem wir uns am Krankenhaus frei gemeldet hatte, hat die Leitstelle direkt einen Folgeeinsatz für uns gehabt. So warteten mein Kollege und ich am Straßenrand auf die Alarmierung. Es dauerte eine Weile und dann kam die Durchsage: Rettung aus Höhe, Notarzteinsatz, Feuerwehr….

Wir wussten zunächsten nicht genau was los ist und fragten bei der Leitstelle nach, es sollte ein Mann vom Dach gefallen sein, wohl auf ein Zwischendach. Das Adrenalin stieg bei diesem Satz eindeutig an, da es ein dringender Notarzteinsatz mit viel unklaren Faktoren werden könnte.

Die Einsatzstelle war nur ca. 600 Meter entfernt und so ging es mit Sonder- und Wegerechten schnellstens dorthin. Am Einsatzort angekommen, erwartet uns bereits ein Ersthelfer, der uns sagt, dass der Mann vom Hausdach auf ein darunter liegendes Dach gefallen sei (ca. 3,5 Meter) und nun dort mit Schmerzen liege.

Meine Kollege, ein sehr erfahrener Rettungsassistent, folgte dem Ersthelfer über eine wackelige Leiter sowie ein kleineres Vordach mit dem Notfallkoffer und Stifneck nach oben auf das Flachdach. Ich wartete zunächst unten auf Anweisungen.

Nach einer ersten Begutachtung, bekam ich die Anweisung Vakuummatratze, Samsplints sowie EKG-Einheit und einiges mehr mit aufs Dach zu bringen. Der Ersthelfer half mir dabei die Dinge hochzubringen. Über die recht unsicheren Leitern folgte ich also meinen Kollegen auf das Dach (wohlgemerkt vorbildlich mit Helm und Jacke, denn ich hatte doch etwas Respekt vor dieser Aktion).

Oben angekommen sah ich den ca. 40-jährigen Mann mit starken Schmerzen liegen. Sein Oberarm war eindeutig gebrochen, dies konnte man als offenen Bruch sehen. Zudem klagte der Patient über Schmerzen im Beckenbereich.

Mein Kollege machte gerade einen Bodycheck, wähend ich bereits alles für einen venösen Zugang herrichtete. Von unten war nun auch die heranfahrende Feuerwehr sowie Polizei zu hören. Der Rettungsassistent legte nun den Stifneck an und auch gleich einen Zugang. Dies war leider nicht so einfach, da der Mann recht schlechte Venen hat. Zum Glück läuft der Zugang in der Ellenbeuge irgendwann und ich befestige ihn noch.

Jetzt sind auch bereits erste Feuerwehrkräfte auf dem Dach, die uns unterützen. So kann einer gleich einmal die Infusion halten, während andere von unten die Schaufeltrage hochbringen. Derweilen trifft auch der selbstfahende Notarzt ein, d.h. wir sind jetzt zu dritt, um den Patienten zu versorgen. Das ist immer noch sehr wenig, da in wenigen Minuten sehr viele Dinge gleichzeitig passieren müssen, damit der Verunfallte möglichst schnell ins Krankenhaus kommt.

Für mich heißt diese Versorgung größte Anstrengung, denn ich assistiere von nun an sowohl dem Notarzt als auch dem Rettungsassistenten. Gleichzeitig müssen auch noch die Feuerwehrkameraden für die Unterstützung angeleitet werden, denn es sind an diesem Tag sehr junge Kollegen mit auf dem Dach, die noch wenig Erfahrung im Bereich der Notfallmedizin haben.

Es werden zunächst Medikamente gegen die Schmerzen sowie zur Sedierung gegeben, damit anschließend der Oberarm des Patienten geschient werden kann. Dies erfolgt mittels zweier Samsplints und einiger Mullbinden. Zudem wird der Mann von nun an stetig überwacht, d.h. wir haben seine Vitalwerte immer im Blick. Auf dem Dach ist dies zunächst aber nur die Sauerstoffsättigung und der Puls. Diese Werte liegen immer im Normalbereich.

Irgendwann einmal trifft auch der Einsatzleiter Rettungsdienst ein, der sich von da an, um die Rückmeldungen zur Leitstelle und der Absprache mit der Feuerwehr kümmert. Somit werden wir auf dem Dach nicht mit organisatorischen Dingen belästigt und können uns um die Versorgung des Patienten kümmern.

Nachdem die Schaufeltrage und Vakuummatratze  durch mich und der Hilfe von Feuerwehrkameraden soweit vorbereitet sind, wird der Patient möglichst schonend mit der Schaufeltrage auf die Vakuummatratze umgelagert und dort stabilisiert werden. Bei allen Arbeitsschritten müssen wir Einsatzkräfte auch auf die begrenzte Arbeitsfläche achten, da wir sonst drohen abzustürzen.

Nun steht auch schon die Drehleiter in Positon und der Patient kann nach der Lagerung auf einer K-Trage mitsamt der Vakuumatratze  dort befestigt werden, um so sehr schonend vom Dach (ca. 5 Meter) nach unten gefahren zu werden. Der Notarzt will den Patienten im Korb begleiten (auch deshalb weil er selbst etwas Höhenangst hat und nicht wieder über die Leiter vom Dach hinunter möchte).

Die restlichen Einsatzkräfte nehmen derweil die Leitern nach unten. Neben der Drehleiter erwarten dort dann der Rettungsassistent sowie Einsatzleiter Rettungsdienst (auch ein sehr erfahrener Kollege) den Patienten, um ihn auf unsere Trage umzulagern.

Währenddessen bereite ich im RTW einen weiteren Zugang sowie Medikamente vor. Auch das EKG wird vorbereitet. Als der Patient dann eingeladen wird, geht alles wieder sehr schnell. Er wird von nun an engmaschig überwacht (EKG, Sättigung, Puls, Blutdruck). Zudem wird eben ein zweiter Zugang gelegt, was sich wiederum als schwierig herausstellt. Es werden noch weitere Medikamente verabreicht. Schnell noch der Blutzucker gemessen und der Patient noch einmal gut fixiert.

Danach geht es mit Sonderrechten zügig in die nahe gelegene Klinik. Wir werden bereits von dem Trauma-Team im Schockraum der Notaufnahme erwartet. Dort wird die Übergabe gemacht und der Patient umgelagert. Danach bekommen wir noch mit wie die ersten Untersuchungen gemacht werden.

Der Mann hat sich wie bereits ersichtlich den Oberarm gebrochen sowie eine Fraktur im Beckenbereich erlitten, nähreres wissen wir nicht.

Damit ist die stressige Situation erst einmal beendet und es geht daran noch kurz mit dem Einsatzleiter Rettungsdienst über den Einsatz zu sprechen. Auch muss der RTW wieder aufgeräumt und gereinigt werden, besonders unser Notfallkoffer sieht sehr chaotisch aus. Diese Nacharbeiten sind aber ganz gut, um wieder herunter zu kommen und langsam abzuschalten.  es geht schließlich zurück zur Rettungswache, wo wir noch den RTW mit Verbrauchsmaterialien auffüllen. Es bleibt noch kurz zeit etwas zu Essen und mit den Kollegen der Gegenschicht zu plaudern, bevor uns die Nachtschicht ablöst.

Ich mag auch einmal chirurgische Einsätze, bei denen man gefordert wird und so war diese Schicht mit der Traumaversorgung ein Tag, der mir bestimmt etwas in Erinnerung bleiben wird. Jedoch muss ich auch noch daran üben, ruhiger zu bleiben bzw. auch in solchen stressigen Situation mehr Ruhe auszustrahlen.

7 Kommentare

  1. Was mir beim Lesen aufgefallen ist: Wird bei euch ab dem Zeitpunkt des Zusammenarbeiten zweier Institutionen, hier Feuerwehr und Rettungsdienst, gleich ein Abschnittsleiter (ELRD) zum Einsatzort bestellt, unabhängig von der Patientenanzahl und dem „Verwaltungsaufwand“?

    1. Es wird in der Leitstelle bei bestimmten Einsatz-Schlagwörtern (auch bereits bei einem Patienten möglich) der ELRD immer alarmiert. Dies muss nicht bei der Zusammenarbeit verschiedener Organisation sein, ist aber meistens so. Allerdings ist der zusätzliche Aufwand nicht allzu groß. Manchmal ist es wie hier schon ganz sinnvoll, wenn dem Rettungsdienstpersonal ein wenig Arbeit abgenommen wird.

  2. In dem Begriff Analgosedierung ist übrigens die Analgesie, also Schmerzbekämpfung neben der Sedierung schon enthalten.

    1. Ups, du hast natürlich vollkommen recht. Ich lese die Artikel zwar meist vor Veröffentlichung noch einmal durch, doch genau diesen Satz hatte ich vorher nochmals umgestellt und den Fehler überlesen.
      Danke für den Hinweis!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s